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im bett des imaginarium | 2


182 Täglich blickt sie auf das Bild von Caspar David Friedrichs Mönch am Meer und kehrt immer wieder zum selben zurück. Erstmals tritt zum immer wieder selbstgewählten Rückzug, der von außen diktierte, und dennoch weiß sie, dass die Besinnung auf sich selbst, eine zu jeder Zeit erforderliche Notwendigkeit ist.

spitzweg bild 183 Caspar David Friedrich, Der Mönch am Meer, 110 x 171,5 cm, Öl auf Leinwand, 1808-1810

184 Ach, ich trage mein Herz mit mir herum wie ein nördliches Land, den Keim einer Südfrucht. Es treibt und treibt und es kann nicht reifen. Öd und verlassen liegt der Strand, der Wind neigt und kämmt zuweilen das wenige dürre Gras zur Seite, legt die schwarzen Flecken, der über den Sandboden verstreuten Steinansammlungen frei. Sie läuft barfuß, die Spuren, die der Wind, der sich auf ihre Fersen heftet, hinter ihr auffrisst, werden sich als Schriftzeichen des Körpers ausgelöscht haben. Sie hebt ihr Gesicht, löst es von ihren Füßen und richtet den Blick in die Ferne. Der Himmel und das Meer ziehen eine waagrechte dünne Linie. Das Blau des Meeres trennt das gebrochene Weiß, das fast unmerklich in ein wässriges Blau nach oben verschwindet. Ein Streifen wie mit einem Pinsel gemalt, doch ohne dass man die malerische Geste sehen würde oder den Abdruck der Pinselhaare. Zerzaust ihr Haar, das Kleid flattert an ihrem Körper, plustert sich auf und umschließt sie gleich wieder, der Saum die Knie umspielend. Im Stehen und Betrachten wird sie für Momente zur Welle, zur dünnen Linie des Horizonts, zum blassen Blau des Himmels, das wie ein kühles Tuch die Anspannung in ihrem Gesicht löst, je länger und tiefer sie sich in das Bild hinein begibt. Nur Stehen und Betrachten, selbst wenn der Wind stärker anhebt, an ihrem Kleid und Haar reißt, heult und röhrt, weil er sich in Felshöhlen verfängt, die Wellenkämme höher trägt, das Meer den Sand vom Boden abzieht und zurückwirft als pumpende Maschine, die unablässig arbeitet, unbeirrt, ob ein Mensch im Bild steht oder aus diesem verschwindet : Auch der Olymp ist öde ohne die Liebe.

185 Mein Gesicht ist geschminkt. Gereinigt von aller Besonderheit zu spiegeln die Gedanken.
Die überflüssigen Schauspieler*innen. Die ihrer Kunst und ihres Publikums beraubten Sänger*innen. Die Statist*innen. Die stummen Rollen. Der in seiner Individualität beschnittene Mensch. Sein Gesicht zur Hälfte ausgelöscht. Seine Sprache gebannt hinter einem Maulkorb aus enggewobenem Leinen oder bedrucktem Baumwollstoff. Wenn der Mensch spricht prallen die Konsonaten auf die Stoffwand und werden geschluckt. Nur die Vokale schaffen unter größter Anstrengung den Weg nach draußen, verenden jedoch unverstanden. So richtet sich der Blick des Gegenübers auf den Ausdruck der Augen, verschwinden diese hinter einer Brille, die sich beschlägt wie ein kurzer Dunstschleier, der sich auf das Glas legt, muss der Blick nach innen fallen und die Wahrnehmung des Außen verschwinden. Die Stirn in Falten, die Augenbrauen zwei gewölbte Striche, bläht sich die Ader an der Schläfe, im Erscheinen und Verschwinden sieht sie vor ihrem inneren Auge die Lunge sich erweitern, die Bauchwandmuskulatur wie sie nachgibt, die Eingeweide zwangsläufig zurückweichen, die Bauchwand sich vorwölben, das Zwerchfell kontrahierend im Ringen um den beschnittenen, hauchdünnen Ausatem, der zunehmend aus dem Rhythmus gerät. Die Luft kann nicht mehr, gleich dem schmalen Hals eines Luftballons, den die Finger umfassen, präzise dosiert entweichen, da die Bewegungen des Körpers (des arbeitenden oder tätigen Körpers) mit dem Entströmen des Atems nicht mehr in Gleichklang zu bringen sind. Es entsteht das Bild des schnaufenden, kurzatmigen Menschen im Kampf mit seinem Körper, einem Auge, das tränt und einer Brille, die einmal fortgerissen, die Welt in Schemen vor ihm zum Erliegen kommen lässt.

187 Verhüllte oder kontrollierte Körper ziehen sich als schmale Erinnerungsspur durch ihre Kindheit : Nonnen im Frühling und Sommer weiß gekleidet, im Herbst und Winter schwarz. Kopf und Hände, die aus Ordenskleider ragen, bezeichnet als Habit, wirken seltsam fremd, als gehörten sie nicht zum restlichen Körper. Diese Gestalten, an denen alles Individuelle, Persönliche ausgelöscht ist, huschen in ihrer Erinnerung bis heute durch enge Korridore, betreten nachts die Schlafsäle oder die Zimmer der Internatsschülerinnen, die militärisch abgetrennten Zellen gleichen und richten auf ihren nächtlichen Inspektionsrundgängen den Lichtkegel der Taschenlampe auf die schlafenden Gesichter : der Segen der Kontrolle steht über die winzigste Parzelle des Lebens, die Einhaltung der einmal eingezogenen und nicht mehr abgeschafften Reglements.
Diese Körper haben weltliche Namen, von denen sie erst in den Krankenhausakten erfährt. Zurück bleibt der schamhafte, der verstohlene Blick auf die Haare der Nonne. Vom Tragen des Schleiers waren einzelne Stellen am Kopf kahl gerieben, das wenig verbleibende Haar nicht mehr als dünne Flaumfedern.

188 Sie muss die Traurigkeit und die Erde aus dem Haar schütteln.


autor: [mattiello] | eingestellt am: 1.5.2020 | zuletzt aktualisiert: 1.5.2020
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