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im bett des imaginarium
Auszug


179 Gegenwärtiges führt dazu, dass die Lüste, Begierden oder Leidenschaften an die Zügel genommen werden. Sie fragt sich, ob durch den erzwungenen Rückzug ins Private nun tatsächlich erprobt werden könne, wie die Lüste in Ruhe zu halten wären. Sie beobachtet, wie Neurosen um sich greifen, Machtmechanismen befördert werden, alte Muster wieder aufbrechen; sie meint zu sehen, dass das, was bisher fest verschlossen hinter der Fassade des Neo-Biedermeier lauerte, nun deutliche Risse zeigt, durch die der alltägliche Wahnsinn stetig und langsam durchzusickern beginnt: Das Zwänglerische einen selbstverständlichen Nährboden erhält, Argwohn dem Anderen gegenüber täglich offen zutage tritt, der Ekel und die Angst vor Körpersäften überhandnimmt. Die von außen verordnete Rückkehr ins Private zu einer von der Kleinfamilie in Schach gehaltenen, konfiszierten Sexualität führt. Währenddessen der Frühling seine Farben ungehemmt in die Landschaft und in die geschlossenen städtischen Parks hineinsetzt : über die Stadt ein dichtes Netz von weiß-, grün- und gelbleuchtenden Punkten und Flecken streut. Die Krähen und Tauben geschäftig auf- und niederflattern, ihr Flügelschlagen, ihre Rufe, wie in den Tag verteilte, kurze Akzente wirken; als hätte man diese nicht schon vorher gehört, rücken sie aus dem Hintergrund in den Vordergrund der Wahrnehmung, da die Wochentage nun der sonntäglichen Ruhe gleichen, nur vom Geräusch der wenigen Fahrzeuge unterbrochen, die punktuell vorüberrauschen, wobei man sich sogleich fragt, wohin die Menschen bloß wollen, da sie dem Gegenwärtigen doch nicht entgehen können. Die Blautöne des Himmels unbeirrt den Wechsel der Jahreszeit anzeigen, die Luft etwas süßlich riecht, und der Idylle nicht zu trauen ist, da die Verordnungsdiktatur und der Neo-Biedermeier längst ein Paar geworden sind und niemand weiß für wie lange. Man sieht sie auf ihren Spaziergängen Hand in Hand gehen, ohne jegliche innere Anteilnahme und die Tage vergehen mühelos inmitten der neuen Gewohnheit.

Könnte man also sagen : Was bei den Einen eine Abstumpfung der Sinne bewirkt, führt bei den Anderen zu einer erhöhten Aufmerksamkeit, Schärfung und Reflexion. Doch es geht, um das viele, noch zu Beschreibende, zu Benennende, das im Dazwischen liegt.

spitzweg bild 180 Carl Spitzweg, Sonntagsspaziergang, 53,2 × 41,3 cm, Öl auf Holz , 1841

181 Man kann immer noch mehr verlieren. Jenseits des Verlustes verlieren. Was hatte sie bereits aufgegeben. Wieviel konnte oder musste sie verlieren, um wieder volle Souveränität über sich selbst zu erlangen. Mit jedem Stück Entzug von Freiheit rückt sie weiter weg, wie mit jedem Reglement unter das sie gezwungen wird. Ihr freiheitsliebender Geist muss unter allen Umständen unversehrt bleiben.


autor: [mattiello] | eingestellt am: 7.4.2020 | zuletzt aktualisiert: 1.5.2020
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