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Volksmusik


Der Sangeswille in der Bevölkerung hat dramatisch abgenommen. Die Einheimischen goutieren vielfach nur noch die passive Konsumation von gestreamten Singkonserven. Selbst trällern mag fast keiner mehr. Die Regierung will ambitioniert gegensteuern. Ein Gesangskataster wird eingerichtet, in den alle, die das vierzehnte Lebensjahr überschritten haben, sich eintragen lassen müssen. Ziel ist es, dass für die gesangliche Umrahmung öffentlicher Feiern in den einzelnen Regionen stets genug Stimmen abrufbereit zur Verfügung stehen. Auf kommunaler Ebene werden Vorsingbüros eröffnet, die die Bürger und Bürgerinnen regelmäßig aufsuchen müssen, um dort ihre Stimmprofile zu hinterlegen und in Kategorien einteilen zu lassen.
Bei meinem ersten Besuch erhalte ich aufgrund einer Erkältung einen Eintrag in Kategorie H, was für "Heiser" steht. Die Heiseren werden, was mir sehr recht ist, nur bei Schönwetter in der sogenannten warmen Jahreszeit angefordert und auch dann nur in die hinteren Reihen der Chöre gestellt und aufgefordert, stumm ihre Lippen mitzubewegen, wenn gesungen wird. Während einer Dauerregenperiode bleibe ich als Heiserer von jeglichen Einsätzen verschont. Im Rahmen der nächsten turnusmäßigen Vorladung ins Singbüro werde ich in die Kategorien K, "Krächzer", und B, "Brummer", umgestuft.
Beim Weihnachtsoratorium in der Pfarrkirche verzichtet man in der Folge auf meine Mitwirkung und auch bei der Verabschiedung des langjährigen Gemeindesekretärs in den Ruhestand darf ich zu Hause bleiben. Erst bei der Beerdigung des begnadigten Prostituiertenmörders Kaltschnäuzer, der kurz nach der Haftentlassung verstorben ist und auch ein Sohn unserer Gemeinde war, werde ich zum ersten Mal zum Sangesdienst auf den Friedhof vorgeladen. Zu meinem Erstauen werde ich in die vorderste Reihe platziert, obwohl ich doch als Krächzer und Brummer gelte. Auf meine Nachfrage hin teilt man mir mit, dass für Kaltschnäuzers Heimgang ausschließlich Krächzer und Brummer vorgesehen wären; mehr hätte Kaltschnäuzer, obwohl er einen Großteil seiner Strafe verbüßt hätte, nicht verdient.
Wir stimmen am offenen Grab das Lied vom guten Kameraden an, während der Verstorbene hinabgelassen wird. Der Vizebürgermeister hält eine sehr ehrliche und sehr kurze Ansprache, in der er darauf hinweist, dass Kaltschnäuzer Zeit seines Lebens nicht gern gesungen hätte, und wenn überhaupt, dann nur nach entsprechender Vorbehandlung in den Verhörzimmern der Polizeikommissariate.

autor: [burgholzer] | eingestellt am: 19.7.2020 | zuletzt aktualisiert: 19.7.2020
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