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Hurra, wir leben noch! | Skizze 21.031.962
Der Euroamerikaner als Netzwerker


Wie eine Geschichte über die Entstehung der euroamerikanischen Gesellschaften beginnen könnte, wobei der Plural des euroamerikanischen Gesellschaften ist hier bewußt gewählt ist: Im Zuge ihrer Ausbreitung über den Globus, haben die euroamerikanischen Menschen die kulturellen Bedingungen, die sie vorfanden, verändert, an ihre Bedürfnisse anpaßt oder ganz einfach zerstört.

Exkurs: Wenn in Folge von Menschen gesprochen wird, ist nicht der Gattungsbegriff gemeint, sondern ein bestimmter Typus, eben der Euroamerikaner. Ich spreche von Beginn an von Menschen, denn der Euroamerikaner hat am Ausgang seiner Geschichte als Leitfigur historischen Handelns, die Möglichkeit geschaffen, die Menschheit als Ganzes mit einem Schlag durch einen nuklearen Krieg auszulöschen. Der Einfachheit halber und der Lesegewohnheit der meisten Frauen und Männer folgend, verzichte ich auf die geschlechtsspezifische Differenzierung in der Sprache. Doch nicht nur einfachheitshalber, sondern vor allem weil die euroamerikanischen Gesellschaften von Männern und Frauen hervorgebracht wurden. Jedes soziale und biologische Geschlecht hatte seinen Anteil daran, auf Seiten der Opfer und der Täter (sofern eine solche Dichotomie überhaupt noch zulässig ist). Auch wenn das Patriarchat älter als der Euroamerikaner, gilt dennoch: alle haben ihren Teil dazu gelistet diese expansive und totalitäre Kultur hervorzubringen.

Euroamerikaner meint nun die Europäer und die nach Nordamerika ausgewanderten, späteren Amerikaner, die sich über die Modifizierung des europäischen Systems von Europa unabhängig erklärt haben und schließlich ihrerseits nach dem Zweiten Weltkrieg die europäischen Gesellschaften (und nicht nur diese) nach ihrem Bilde zu formen versuchten.

Exkurs: Die Verallgemeinerung der Begriffe Europäer und Amerikaner ist natürlich nur eine Hilfskonstruktion (vielleicht auch eine Vorwegnahme eines in ein paar Jahrzehnten real existierenden Europäer), um jene Strategie sichtbar werden zu lassen, um die es in diesem Buch gehen soll. Nur die Verallgemeinerung läßt diesen historischen Prozeß hervortreten. Dies ist keine mikrohistorische Analyse, also keine Auflistung jener Phänomene, die verschiedene Gesellschaften unterscheiden, sondern eine Beschreibung jener Kategorien und Entwicklungen, in denen sich die euroamerikanischen Gesellschaften ähneln, bzw. deren gemeinsame Wurzeln.

Der Euroamerikaner ist ein von christlichen, humanistischen und aufklärerischen Idealen geprägter Mensch. Biologisch mag er sich nur marginal von anderen Menschentypen unterscheiden, auch in seinem gesellschaftlichen Verhalten setzt er alte, weit verbreitete, anthropologische Formen des menschlichen Lebens fort. Doch in einem unterscheidet er sich ganz wesentlich von anderen Kulturen: dem Netzwerken. Diese Form des Zusammenlebens ermöglichte ihm, gegen alle Widerstände anderer Kulturen, seine christlich-humanistisch-aufgeklärte Weltsicht überall als monolithisches Instrumentarium gesellschaftlichen Handelns soweit durchzusetzen, dass es heute nur mehr wenige Widerstandsnester (z.B. Taliban in Afghanistan) gibt. Auch im islamischen und asiatisch-orientalischen Raum hat sich die Konsumgesellschaft, die Kommunikationstechnologie und das ökonomische System des Kapitals durchgesetzt.

Doch warum gelang dieser imperiale Schritt nicht jenen Hochkulturen, die schon vor den Euroamerikanern sehr stark entwickelte Netzwerksysteme hervorgebracht haben, z.B. in Asien/China, in Lateinamerika (Maya, Azteken). Es gibt dafür viele Erklärungen. Religiöse, klimatische und geographische Gründe werden angeführt. Eine mich zufriedenstellende Erklärung fand ich in keiner der Begründungen. Ich denke, dass einer der wesentlichen Erfolgsfaktoren für die im Vergleich zu anderen Kulturen rasche Verbreitung des Euroamerikaners (innerhalb von nur ca. 1500 Jahren eroberte er die Welt) ausgehend von den Pippiniden nach Osten (ca. 700 Jahre), später in der Reconquista und Conquista nach Westen (ca. 200 Jahre) und im Kolonialismus nach Süden (die letzten 500 Jahre) die Weiterentwicklung der alten Kulturtechnik des Netzwerkens war. Der Euroamerikaner begnügte sich nicht mit der Etablierung einzelner, unabhängig von einander agierender Netze, die in loser Verbindung miteinander standen, sondern er schloss diese unterschiedlichen Funktionen dienenden Netze, zu einem Supernetzwerk zusammen, indem nichts mehr als Einzelnes funktionierte, alles aufeinander referierte und nur eines auf der Strecke blieb: die Gattung Mensch.

Die Geschichte des Menschen ist also die Geschichte sozialer Verhältnisse, also von Kommunikation. Für die verschiedenen, sich im Laufe der Menschheitsgeschichte entwickelnden gesellschaftlichen Funktionen, konzipierte der Mensch unterschiedliche Netzwerke, die zu Beginn solitär, ihrer Funktion entsprechend, nebeneinander standen. An dieser Stelle möchte ich ein paar wesentliche soziale Netze nennen, die sich aus den zuerst von Einzelindividuen wahrgenommenen Funktionen, in den euroamerikanischen Gesellschaften zu Organisationen und Institutionen entwickelten.

Exkurs: Nehmen wir nur die Funktion des Kriegers. Aus einzelnen Kriegern, die gleichzeitig auch Jäger waren, entwickelte sich in Europa und später in Amerika ein Militärsystem und eine Waffentechnologie, die es dem Euroamerikaner ermöglicht, die Menschheit mehrfach auszulöschen.

Jede menschliche Gesellschaft gab diesen sozialen Netzen eine eigene Bedeutung und formte sie in unterschiedlicher Weise aus. Der Euroamerikaner entwickelte spezielle Formen diese Netze seinen Bedürfnissen anzupassen sie anderen Kulturen aufzuzwingen. Im Zentrum der folgenden Überlegungen stehen die meiner Meinung nach sieben wichtigsten sozialen/kommunikativen Netze der euroamerikanischen Gesellschaften: politische | technisch-technolgische | architektonische | ökonomische | künstlerische | wissenschaftliche Netze | religiöse Netze | mediale Netze.

Die euroamerikanischen Gesellschaften kennen natürlich neben den sozialen Netzen noch andere Netzwerke. Diese möchte ich als tertiäre, fusionierte oder vernetzte Netze bezeichnen. Nehmen wir z. B. eine Kirche. Sie repräsentiert architektonische, religiöse, politische und auch künstlerische Netzwerke. Fusionierte Netze sind in ihrem Kern also aus zwei oder mehr sozialen Netzen gebildet. Mit der Entwicklung der sozialen Netze wurde ein erster, wesentlicher Beschleunigungsschritt in der gesellschaftlichen Organisation des Euroamerikaners gesetzt. Doch mit den fusionierten Netzen wurde der gesellschaftliche Beschleunigungswert noch einmal erhöht.

Individuum und Kollektiv stehen, wie ich meine, in einem historischen Wechselverhältnis zu diesen Netzen. Stand am Beginn das kollektiviertes Individuum im Zentrum, entwickelte sich daraus ein individualisiertes Kollektiv.

Exkurs: Im Paradies war die menschliche Gemeinschaft durch Adam und Eva ein kollektives Individuum. Erst ihre Vertreibung führt zu einer Differenzierung der geschlechtlichen Lebensverhältnisse, zu einem Eigenen und Fremden, zu einem individuellen Kollektiv, in einen männlichen und einen weiblichen Lebensbereich.

Individualität wächst in jenem Ausmaß, als die Zahl der fusionierten Netze in der euroamerikanischen Gesellschaft zunahm. Wenn wir auf das 5. Jahrhundert zurückblicken, auf die Zeiträume, wo die ersten Bibeln entstanden, die Wiege der europäischen Kultur liegt, wo die Klöster und die Burgen die einzigen Zufluchtsstätten waren, eine enorme Abhängigkeit zwischen den Menschen herrschte, war Individualität (wie wir sie heute kennen) ein selbstmörderischer Luxus. Die Fusionierung sozialer Netze machte Individualität im heutigen Sinne überhaupt erst möglich.

Heute ist Individualität für uns ein kostbares Gut. Ein Kollektiv, das dem Individuum eine untergeordnete Rolle zuweist, ist politisch nicht mehr lebensfähig. Der Typ des Masseneremiten, wie Günther Anders den Menschen einst nannte, ist erst durch diese fusionierten, multimedialen Netze entstanden. Schlagworte wie Singleleben, Isolation, Vereinsamung, Internetjunkies bezeichnen eben diesen Vorgang der Vereinzelung.

Der Netzwerker hat die Fiktion einer Unabhängigkeit des Individuums von menschlichen Kollektiven hervorgebracht. Diese fiktionale Autonomie des Individuums entsteht durch die immer stärkere Fusionierung technischer Netze. Am Beginn des euroamerikanischen Netzwerkens waren vor allem religiöse, politische, architektonische und wissenschaftliche Netze beim Fusionierungsprozeß zu tertiären Netzen von zentraler Bedeutung. Technisch-technologische Netze spielten eine untergeordnete Rolle. Erst im 16. bzw. 17. Jahrhundert trat ein entscheidender Wandel ein. Ökonomische und später technisch-technologische Netze übernahmen Schritt für Schritt die Vorreiterrolle bei Fusionierungsprozessen. Während der industriellen Revolution nahmen sie schließlich innerhalb der sozialen Netze eine dominante und beinahe grundlegende Rolle für die Formierung gesellschaftlicher Prozesse ein.

Im selben Ausmaß wie fusionierte Netze von technologischen Einzelnetzen beherrscht wurden, nahm aber auch die fiktionale Autonomie zu. Aus diesem Widerspruch: einerseits reale Abhängigkeit (ich brauche andere Menschen zum physischen und psychischen Überleben), andererseits fiktionale Autonomie (ich bin ein Mensch für mich allein) entstehen zahllose gesellschaftliche Konflikte, die sich vor allem in der alltäglichen politischen Praxis zeigen und sich über die antiquierten sozialen Netze äußern.

Exkurs: Die Retheologisierung der Gesellschaft über die Esoterik wäre ein Beispiel. Die bürgerkriegsähnlichen Zustände, die sich in den Vororten großer Megacitys abspielen. Auge um Auge, Zahn um Zahn. Immer höhere Wolkenkratzer, immer größere Städte, immer mehr Wohnsiedlungen an der Peripherie. Alles Zeichen der Vereinzelung, der Rückzugsgefechte eines Individuums, das sein Kollektiv verloren hat. Auf der anderen Seite steht die Ökonomisierung und Technisierung aller Arbeits- und Alltagsprozesse.
Es wäre auch zu überprüfen, ob es einen inneren Zusammenhang bei der euroamerikanischen Lebensform, die sich wie folgt darstellt: Je stärker ein Mensch von dieser fiktionalen Autonomie überzeugt ist, desto eher ist er bereit technische Neuentwicklungen, Netzwerkfusionierungen zu unterstützen und zu nutzen.


Als Beispiel möchte ich das Internetshopping anführen. Der Mensch sitzt vor seinem, über das Internet, die Telefonleitung, das elektrische Kabel, die elektromagnetischen Wellen vernetzten Computer, möglicherweise ein Single und wählt sich in den worldwidewebshop ein. Dort kann er all seine Bedürfnisse befriedigen: Kommunikation (chatrooms), Sexualität (Pornosites), Einkauf (virtuelle Warenhäuser), Fernsehen (Videotheken), Musik (Amazon Prime), Bücher (Webbibliotheken), Fernreisen (virtuelle Reisebüros). Das Defizit, der Konflikt entsteht in dem Augenblick, in dem er die Bedürfnisse, die sich nicht nur virtuell konsumieren lassen, versucht körperlich zu realisieren. Die Partner wollen angefaßt, der Einkauf verzehrt, der Urlaub angetreten werden. Plötzlich braucht das Individuum andere Menschen, um diese Bedürfnisse zu realisieren. Da wir aber gelernt haben, dass wir unabhängig sind, autonom, autark, nennen wir es nicht mehr Leben mit und durch andere Menschen, sondern finden neue Begrifflichkeiten, um die fiktionale Autonomie aufrecht zu erhalten. Wir sagen: Verkehrsmittel (und denken nicht an den Buschauffeur oder den Piloten), Logistiksysteme (und denken nicht an den Postbeamten) oder All inklusive (und denken nicht an die Animateure und Putzfrauen). Es wird uns also immer unmöglicher, die körperliche Realisierung als einen Akt der zwischenmenschlichen Beziehungen wahrzunehmen. Die Ökonomisierung und Technisierung der fusionierten Netze hat dazu geführt, dass wir die Beziehungen zwischen Menschen nur noch in ökonomischen und technisch-technologischen Kategorien beschreiben können.

Die fiktionale Autonomie ist also ein Produkt einer realen Abhängigkeitsbeziehung zwischen Menschen, die durch Fusionierungsprozesse verdeckt wird. Das Individuum macht über die fiktionale Autonomie, mit Hilfe der technologischen Fusionierungsprozesse den Schritt hin zur realen Autonomie, in der es außer technischer Netze keiner sozialen Netze mehr Bedarf. Ein mögliches Endszenario für die Menschheit könnte sein: Ein tertiäres, fusioniertes Netz, in dem die Menschen wie die Saurier zwischen multimedialen Maschinen herumlungern, reduziert auf ihre nackte und bloße Existenz.

Eine kurze Prophezeiung sei mir noch gestattet. Vielleicht stehen wir ja am Beginn eines Fusionierungsprozesses, der alle bisherigen Fusionierungen in den Schatten stellt. Möglicherweise bildet sich vor unseren Augen ein gigantische Metanetz. So wie am Beginn der Evolution die Einzeller sich spalteten, um dann in den Mehrzellern wieder zu fusionieren, so wie das biologische Netz sich in soziale Netze spaltete, um sich in den fusionierten wieder zusammenzuschließen, könnten nun die fusionierten Netze mit dem biologischen Netz eine neuerliche Fusion eingehen. Die multimedialen Netze sind dabei sich mit den biologischen zu fusionieren und den Menschen tatsächlich zu einem antiquierten Wesen zu machen und damit Günther Anders Prophezeiung einer Welt ohen Mensch zu realisieren.

Doch die Verwirklichung dieser Realutopie wird noch eine Zeit auf sich warten lassen. Bis es soweit ist, begnüge ich mich mit der zusammenfassenden Feststellung, dass aus dem monolithischen, biologischen Netz (Primärnetz) in zahllosen Spaltungsprozessen innere und äußere soziale, kommunikative Netze (Sekundärnetze) entstehen, die sich wiederum in einem Vernetzungsprozess zu fusionierten Netzen (Tertiärnetze) verwirklichen. Dieser Prozess markiert geschichtlich den Übergang von kollektivierten Individuen und individualisierten Kollektiven und drückt sich in der Dialektik von Spaltung und Fusion aus.

autor: [bahr] | eingestellt am: 11.6.2020 | zuletzt aktualisiert: 11.6.2020
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